Traumtanz: Steaua Bukarest 1985/86

steauaDie Experten wälzten hastig die Statistikbücher. Aber so sehr sie auch hin und her blätterten, eine vergleichbare Leistung konnten sie einfach nicht finden. Da hatte doch dieser Teufelskerl mit dem deutschen Vornamen tatsächlich in kürzester Zeit vier Strafstöße pariert! Helmuth Duckadam wurde an jenem Mai-Abend in Sevilla zum rumänischen Volkshelden. Nacheinander waren die Superstars des FC Barcelona im Elfmeterschießen an dem Mann aus Semlac nahe der ungarischen Grenze gescheitert, erst Alexanco und Ángel Pedraza, dann Pichi Alonso und Marcos Alonso. Steaua Bukarest hatte als erster osteuropäischer Klub überhaupt den Europapokal der Landesmeister gewonnen – und den Topfavoriten im eigenen Land gedemütigt.

In der Heimat war Steaua, der „Stern“, schon seit einigen Jahren eine Macht und wechselte sich in schöner Regelmäßigkeit mit dem Lokalrivalen Dinamo bei der Titelvergabe ab. Aber international hatten die Rumänen noch nie sonderlich viel gerissen. 1972 standen sie als Pokalsieger nach Erfolgen über die Malteser von Hibernians Paola (0:0, 1:0) und den CF Barcelona (1:0, 2:1) im Viertelfinale des EC2, wo sie ungeschlagen am FC Bayern München scheiterten (1:1, 0:0). Im Landesmeister-Wettbewerb hatten sie noch nie die erste Runde überstanden. Das sollte diesmal alles anders werden. Mit einer Bilanz von 23-8-3 hatte sich der Clubul Sportiv al Armatei, kurz CSA, in der Spielzeit 1984/85 gegen Dinamo durchgesetzt und wollte nun beweisen, auch auf internationalem Niveau ein absoluter Top-Klub zu sein. Zum vierköpfigen Trainergespann gehörten damals auch die ehemaligen Steaua-Nationalspieler Emeric Ienei und Anghel Iordănescu. In der darauffolgenden Saison sollten sie die Zügel alleine in der Hand halten – Ienei als Boss, Iordănescu als mitspielende rechte Hand.

Die Mannschaft von CSA Steaua war zusammengewachsen. Torwart Duckadam, die Abwehrspieler Ilie Bărbulescu, Adrian Bumbescu und Ştefan Iovan, die Mittelfeldspieler Gavril „Pelé“ Balint und Mihail Majearu sowie die Stürmer Marius Lăcătuş und Victor Piţurcă – sie alle standen schon in jenem Kader, der ein Jahr zuvor am amtierenden „EC1-Vizemeister“ AS Roma nur hauchdünn gescheitert war. Francesco Graziani hatte im Olimpico nach 73 Minuten das einzige Tor in diesem Duell erzielt, und Steaua zeigte schon hier erstaunliche Defensivqualitäten. Die wurden durch den 22-jährigen Miodrag Belodedici, der zwei Jahre zuvor aus der zweiten Liga zum Armeeklub abkommandiert worden war, noch um einiges verbessert.

VEJLE BK

Am Tag der Auslosung rieb sich Ienei die Hände. Der dänische Meister Vejle BK war nun wirklich kein Klub, vor dem Steaua in Ehrfurcht erstarren musste. Immerhin war die Fußball-Legende des Landes, Allan Simonsen, nach elfjähriger Absenz und Gastspielen bei Borussia Mönchengladbach, FC Barcelona sowie Charlton Athletic zu seinem Stammverein zurückgekehrt, aber ein Ausscheiden gegen „VB“ schien ausgeschlossen. Doch nach einer knappen Stunde ging das Team aus Mitteljütland dank Julian Barnetts Treffer mit 1:0 in Führung. Sollte der Traum vom erstmaligen Erreichen der zweiten EC1-Runde etwa gegen das kleine Vejle zerplatzen? Ienei brachte nach 72 Minuten Marin Radu für Majearu, und der Joker dankte es seinem Coach mit dem Ausgleichstreffer zwei Minuten vor dem Ende. Im Rückspiel machte Steaua mit „VB“ kurzen Prozess. Zwar erzielte Simonsen das letzte Europapokaltor seiner Laufbahn (37’), doch da hatten Piţurcă (8’) und Ladislau Bölöni (33’) die Weichen schon auf Sieg gestellt. Balint (51’) und Tudorel Stoica (73’) machten schließlich den klaren 4:1-Erfolg perfekt.

HONVÉD BUDAPEST

In Runde zwei wartete der ungarische Serienmeister Honvéd Budapest. Die rot-schwarzen „Cousins“ aus dem Arbeiterviertel Kispest hatten ihre ganz große Zeit schon hinter sich. Damals, in den 50er Jahren, als das Militär den Kispesti AC zu „seiner“ Mannschaft erklärte, in Honvéd, „Vaterlandsverteidiger“, umbenannte und das Team um Ferenc Puskás und dessen Sandkastenfreund József Bozsik, die direkt neben dem Stadion aufwuchsen, zu einer Weltklasse-Mannschaft beförderte, indem es die besten Spieler einfach rekrutierte. So etwa Torjäger Sándor Kocsis, eigentlich durch und durch Ferencváros-Mann, Keeper Gyula Grosics, Abwehrrecke Gyula Lóránt oder Sturmtank Zoltan Czibor. Eben diese sechs Akteure standen auch im legendären 54er WM-Finale, das die „Magischen Magyaren“ so sensationell mit 2:3 gegen die Bundesrepublik Deutschland verloren. In jener Zeit gehörte der kleine Klub aus dem 19. Bezirk sicherlich zur absoluten Weltspitze, nur: beweisen konnte er es nicht, da es den Europapokal als Gradmesser noch nicht gab. Mitte der 80er Jahre war der Ruhm allerdings verblasst, wie es überhaupt mit dem ungarischen Fußball steil bergab ging. In der heimischen Liga war Honvéd zwar das Maß aller Dinge, international hatte der Verein jedoch nichts zu bestellen. Der viel gepriesene Superstar der Mannschaft, Lajos Détári, sollte zwar wenige Monate später bei der enttäuschenden WM in Mexiko der einzige Lichtblick in einem schwachen ungarischen Nationalteam sein und sich anschließend auch internationale Meriten – unter anderem bei Eintracht Frankfurt – verdienen, in die Fußstapfen seiner illustren Vorgänger konnte aber auch er nie treten.

Das erste Duell der beiden Militärvereine stieg am 23. Oktober 1985 in Budapest. Honvéd hatte sich der Shamrock Rovers problemlos entledigt (2:0, 3:1) und Détári dabei drei Treffer erzielt. Doch wer nun erwartete, Steaua würde sich ein 0:0 ermauern wollen, sah sich getäuscht. Die Ienei-Truppe zeigte sich erstaunlich offensiv eingestellt und die Sturmspitzen Lăcătuş und Piţurcă sorgten einige Male für Gefahr, aber nach 34 Minuten war es schließlich doch Détári, der zum 1:0 für die Hausherren einnetzte. Bei diesem Ergebnis sollte es bleiben, obwohl Steaua durchaus ebenbürtig war. Das Rückspiel im restlos ausverkauften Stadionul Steaua im Bukarester Stadtteil Ghencea rückte die Verhältnisse allerdings wieder zurecht. Ienei bot seine Stammformation mit Duckadam im Tor, der Abwehrreihe Iovan, Bumbescu, Belodedici und Bărbulescu, davor Stoica, Balint, Bölöni und Majearu im Mittelfeld sowie das Sturmduo Lăcătuş und Piţurcă auf. Bereits nach einer Minute klingelte es im Honvéd-Kasten, Piţurcă hatte zum 1:0 getroffen und das Hinspiel-Resultat egalisiert. Noch vor der Pause erhöhte sein Partner Lăcătuş auf 2:0 (35’), und unmittelbar nach dem Seitenwechsel machten Bărbulescu (46’) und Majearu vom Elfmeterpunkt (52’) alles klar. Détári verkürzte zwar noch für die Ungarn per Strafstoß auf 4:1 (64’), die Entscheidung war aber längst zu Gunsten der Rumänen gefallen.

KUUSYSI LAHTI

Steaua stand im Viertelfinale, und die Fans waren sich der Stärke ihres Teams durchaus bewusst. Sie mussten vor der Auslosung keinen der verbliebenen Gegner fürchten. Nicht den FC Barcelona und den RSC Anderlecht, nicht den FC Bayern oder IFK Göteborg, ebenso wenig Juventus Turin oder den Aberdeen FC – und schon gar nicht den krassesten aller Außenseiter, Kuusysi Lahti aus Finnland, der zum ersten Mal überhaupt über die erste Runde eines europäischen Wettbewerbs hinausgekommen war und plötzlich zu den besten acht Teams des Kontinents zählte! Dennoch war der Jubel in Rumäniens Hauptstadt groß, als das Los Steaua ausgerechnet die Finnen bescherte. Allein schon dieser Name erschien seltsam. Dabei ist Kuusysi nichts weiter als die Slangvariante des Begriffs kuusikymmentäyhdeksän, die sich aus kuusi, sechs, und ysi, der Kurzform von yhdeksän, neun, zusammensetzt und schlicht und ergreifend „69“ bedeutet. 1969 war der Vorläuferklub Palloseura Lahti ’69 gegründet worden.

Das Team aus der Skispringerstadt hatte in Ismo Lius den herausragenden Goalgetter Finnlands der 80er Jahre in seinen Reihen. Vier Mal – 1985, ’86, ’88 und ’89 – setzte er sich die Torjägerkrone der finnischen Liga auf, und der haushoch favorisierte jugoslawische Meister FK Sarajevo staunte nicht schlecht, als er nach der peinlichen 1:2-Niederlage in Lahti durch Lius’ Doppelschlag (13’, 15’) auch zu Hause plötzlich mit 0:2 hinten lag und letzten Endes 1:2 verlor. Sarajevo war bis auf die Knochen blamiert, doch der Konkurrenz verging das Lachen spätestens im Achtelfinale, als auch der sowjetische Meister Zenit Leningrad gegen die unscheinbaren Finnen die Segel streichen musste. Zwar siegten die Russen zu Hause mit 2:1 (Gegentor: Lius), unterlagen aber in Lahti nach zwei Lius-Treffern mit 1:3 nach Verlängerung.

Ienei hatte genug Zeit, sich über die Nobodys aus dem hohen Norden zu informieren, schließlich lagen die Wintermonate zwischen dem Duell mit Honvéd und dem Kräftemessen mit den Finnen. Lius’ Torinstinkt hatte sich derweil bis nach Rumänien herumgesprochen und so legte Ienei sein Hauptaugenmerk darauf, im Heimspiel lästige Gegentreffer dieses Mannes zu verhindern. Gesagt, getan. Lius traf nicht, und seine Mitspieler blieben auf dem matschigen Boden ebenfalls erfolglos. Dumm nur, dass Steaua überdies auch das Toreschießen vergaß und mit einem peinlichen 0:0 plötzlich gar nicht mehr so gute Karten hatte. Das Rückspiel wurde in die finnische Hauptstadt Helsinki verlegt, wo die technisch überlegenen Rumänen an den Defensivkünstlern Kuusysis zu verzweifeln drohten. Als sich schon alle auf eine Verlängerung einstellten, traf schließlich Piţurcă aus dem Gewühl heraus zum alles entscheidenden 1:0 (86’).

RSC ANDERLECHT

Im Halbfinale wartete der europäische Dauerbrenner RSC Anderlecht. Der belgische Champion war in den vergangenen zehn Jahren sage und schreibe sieben Mal in ein Europapokal-Halbfinale und teilweise weiter vorgedrungen und hatte drei Titel geholt. Das EC1-Endspiel fehlte den Brüsselern allerdings noch. Die Zeit schien reif, immerhin hatte der RSC den Angstgegner FC Bayern aus dem Wettbewerb gekegelt und war auf dem besten Weg, seinen Landesmeistertitel zu verteidigen. An Selbstvertrauen mangelte es dem Team aus dem Parc Astrid also nicht. Steaua hielt bei den favorisierten Belgiern gut mit und schien in einer gähnend langweiligen Partie zum dritten Mal in Folge ohne Gegentor bleiben zu können. In der ersten Halbzeit passierte mit Ausnahme eines Bölöni-Distanzschusses überhaupt nichts. Duckadam verbrachte lange einen ruhigen Abend, während bei den Belgiern Vincenzo Scifo, der Superstar aus La Louvière mit italienischen Wurzeln, sich vergeblich bemühte, etwas zu bewegen. Als sich auch noch Frank Vercauteren nach 37 Minuten bei einem Freistoß verletzte, drohten dem RSC die Felle davonzuschwimmen. Der für Vercauteren eingewechselte Georges Grün sorgte nach dem Wechsel mit einigen Vorstößen für etwas Entlastung, Duckadam musste nach einer Stunde erstmals ins Geschehen eingreifen. Anderlechts „Motor“ Scifo bekam derweil ordentlich auf die Knochen, Majearu wandelte nach einem bösen Foul gegen den Italo-Belgier am Rande des Platzverweises. Doch Scifo revanchierte sich auf seine Weise, als er in der 76. Minute das 1:0-Siegtor für seine Farben erzielte.

Ein schmeichelhafter Erfolg für Anderlecht, das sich nun seiner Sache zu sicher war. „Wir haben Dich gewarnt, Anderlecht“, titelte ein belgisches Fachblatt. „Du hättest Steaua nicht unterschätzen sollen.“ Die vom Papier her unterlegenen Rumänen bestachen an jenem Abend mit ihrem feinen Kurzpassspiel und einem abgeklärten Auftritt, der selbst die Zuschauer im Stadion Constant Vandenstock überzeugte. Doch das war noch gar nichts im Vergleich zur Vorstellung, die Steaua 14 Tage später vor 30.000 ekstatischen Fans im heimischen Ghencea ablieferte, als es Anderlecht asphaltierte. Piţurcă egalisierte das Hinspielergebnis bereits nach vier Minuten. Und selbst, als Balint per strammem Linksvolleyschuss von der Strafraumgrenze noch in der ersten Halbzeit auf 2:0 erhöhte (23’), stand der Ausgang dieses Duells weiterhin auf des Messers Schneide. Doch die Rumänen waren einfach zu stark und spielten sich an diesem 16. April 1986 in das Geschichtsbuch des Klubs. In der 72. Minute schlich sich Piţurcă in den Fünfmeterraum und köpfte eine abgefälschte Hereingabe zum 3:0 ein. Jetzt spielten sich fanatische Szenen ab. Der Torschütze stand im Gehäuse und schrie seine Freude hinaus, auf der anderen Seite des Netzes stand ein Balljunge in grünem Trainingsanzug, der die Gunst der Stunde nutzte und Piţurcă jubelnd umarmte. Mitspieler und weitere Balljungen kamen hinzu – das Ghencea war ein Tollhaus. Die Entscheidung war gefallen und die Überraschung perfekt. Anderlecht ergab sich seinem Schicksal, während die Rot-Blauen sich freudetrunken in den Armen lagen: Zum ersten Mal überhaupt hatte ein Ostblock-Vertreter das Endspiel des EC1 erreicht – und es sollte noch besser kommen…

FC BARCELONA

Im zweiten Halbfinale hatten IFK Göteborg und der FC Barcelona eine wahre Nervenschlacht geschlagen. 3:0 hieß es im Nya Ullevi für die Schweden und der Einzug ins Endspiel schien bereits beschlossene Sache. Es folgte allerdings der größte Tag in der Karriere des Ángel Alonso Herrera, genannt Pichi Alonso. Gerade mal fünf Europapokalminuten hatte er in dieser Saison auf dem Buckel. Beim Zweitrunden-Hinspiel gegen den FC Porto (2:0) war er in der 85. Minute eingewechselt worden. Im Rückspiel gegen Göteborg, als Hopfen und Malz bereits verloren schienen, schickte ihn Trainer Terry Venables von Beginn an ins Rennen – er sollte es nicht bereuen. Als Pichi Alonso nach 75 Minuten vom Feld genommen wurde, wurde er von den 90.000 Zuschauern im Camp Nou frenetisch gefeiert. Mit seinen drei Treffern (9’, 63’, 69’) hatte er das 0:3 egalisiert. Göteborg rettete sich in die Verlängerung und schließlich ins Elfmeterschießen. Roland Nilsson hatte beim Stand von 4:3 für IFK sogar den entscheidenden Strafstoß auf dem Fuß, doch Barcelonas Keeper Francisco Javier Gonzáles Urruticoechea, kurz „Urruti“, parierte. Urruti selbst schoss zum 4:4 ein, Per Mordt zielte anschließend vorbei und Víctor Muñoz verwandelte das Camp Nou in ein Tollhaus. Zumal jetzt der Gesamtsieg nur noch Formsache war. Denn als Austragungsort für das Finale hatte sich die UEFA auf Sevilla festgelegt. Mehr oder weniger Heimrecht also für die Blaugrana, die endlich den ersten Landesmeister-Pokal in ihre Vitrinen stellen wollten.

70.000 hauptsächlich spanische Zuschauer, darunter auch König Juan Carlos, säumten am 7. Mai 1986 die Ränge des Estadio Sánchez Pizjuán. Der reichste Klub der Welt gegen die unbekannten Rumänen – die fiesta war bereits programmiert, während die Fans in Rumänien hofften, dass sich Steaua so gut wie möglich verkaufen möge. Nur die Spieler und der Betreuerstab glaubten daran, das Spiel auch gewinnen zu können. Ienei musste zwar Stoica durch Lucian Bălan ersetzen, aber auch er war guter Dinge und vertraute auf seine stabile Abwehr um den angehenden Superstar Belodedici. Venables baute derweil auf seine zwei Legionäre, den Deutschen Bernd Schuster sowie den Schotten Steve Archibald. Pichi Alonso ließ er hingegen zunächst wieder auf der Bank.

Schuster, Belodedici

Barça begann übermotiviert und nervös. Die „Hausherren“ wollten unbedingt ein schnelles Tor vorlegen und die Defensivtaktik des Außenseiters über den Haufen werfen, aber es sollte ihnen nicht gelingen. Das Pressing zur Unterbindung des rumänischen Kurzpassspiels funktionierte zwar, doch am Strafraum waren die Katalanen mit ihrem Latein am Ende. Nervosität und Frust führten zu einigen ruppigen Szenen, die den französischen Unparteiischen Michael Vautrot frühzeitig in die Tasche greifen ließen: Gelbe Karten gegen Belodedici und Francisco Carrasco (21’), Julio Alberto (23’), Lăcătuş (25’) und Bölöni (33’) sollten die Gemüter wieder etwas beruhigen. Die Partie war arm an Torchancen und für den neutralen Zuschauer langweilig. Lediglich Schusters Kopfball (29’) und Piţurcăs Schuss ans Außennetz (44’) sorgten im ersten Abschnitt für etwas Aufregung. Auch nach dem Wechsel fehlte dem FC Barcelona die zündende Idee. Im Gegenteil: Steaua spielte nun etwas offener und verlagerte sich nicht mehr vollends aufs Verteidigen.

Urruti klärt gegen Lăcătuş.

Nach 72 Minuten wechselte Ienei sogar seinen Assistenten Iordănescu ein. Bölönis Distanzschuss wehrte Urruti gerade noch zur Ecke ab (77’), Archibald hatte kurze Zeit später bei einem Kopfball Pech. Die Verlängerung drohte – und kam. Barça verkrampfte immer mehr, während Steaua mit zunehmender Spielzeit sogar das Heft in die Hand nahm. Nach 111 Minuten hatte Venables genug gesehen und brachte den Halbfinal-Helden Pichi Alonso für den glücklosen Archibald. Der neue Mann traf zwar prompt ins Netz, doch Vautrot annullierte den Treffer auf Grund eines vorangegangenen Handspiels Carrascos. Zu diesem Zeitpunkt stand auch Schuster, der sich für dieses Endspiel so viel vorgenommen und vom „Pokal meines Lebens“ gesprochen hatte, nicht mehr auf dem Platz. Er musste in der 85. Minute für Josep Moratalla weichen und konnte somit auch nicht mehr beim Elfmeterschießen mitwirken.

Sevilla war nervenaufreibende Elfmeterschießen gewöhnt. Vier Jahre zuvor, bei der WM 1982, hatten sich Deutschland und Frankreich hier eines der spannendsten WM-Duelle überhaupt geliefert. Nun sollte Duckadams Sternstunde schlagen. Nachdem Majearu den ersten Strafstoß verschossen hatte, trat Barça-Kapitän Alexanco an und hielt voll drauf – der Ball kam halbhoch, doch Duckadam legte seine Fäuste dazwischen und parierte. Bölöni scheiterte anschließend an Urruti, und wieder musste Duckadam die Kastanien aus dem Feuer holen, indem er auch Pedrazas Elfer mit einer Hand aus dem Eck fischte. Nun wurde es spannend, denn Lăcătuş haute den Ball mit Wucht an die Lattenunterkante und erzielte endlich das erste Tor des Abends. Jetzt war Pichi Alonso an der Reihe. Scharf, flach, links. Und wieder hatte dieser Teufelskerl die richtige Ecke geahnt! Als Balint auf 2:0 erhöhte, wurde es mucksmäuschenstill im Sánchez Pizjuán. Alle Last lag nun auf Marcos Alonso. Der wollte den Ball in die rechte Ecke schieben, doch da lag bereits Duckadam. Aus und vorbei. Der Steaua-Keeper hatte sage und schreibe vier Strafstöße gehalten und rannte nun jubelnd auf seinen Kollegen Lăcătuş zu. Während die Katalanen enttäuscht vom Platz schlichen, hatten die Rumänen als erster Ostblock-Klub den Europapokal der Landesmeister gewonnen. „Eine Katastrophe!“, schrie die spanische Zeitung El Mundo Deportivo, während Rumäniens kommunistisches Parteiblatt Scînteia einen „ganz außergewöhnlichen Sieg des rumänischen Sports“ feierte und titelte: „Steaua strahlt hell vom europäischen Fußball-Firmament.“ Steaua war als Klub des Verteidigungsministeriums in Rumänien nicht sonderlich beliebt, aber an diesem Tag lag sich das ganze Land in den Armen. Spontan und ehrlich, nicht etwa von oben verordnet.

„Was dieser Mann gemacht hat, will mir nicht in den Kopf“, war Venables noch Tage später aufgrund Duckadams Leistung konsterniert. Der Elfmeterkiller hatte die Goldene Ära des rumänischen Fußballs eingeläutet. Er selbst musste nur einen Monat später auf Grund einer seltenen Arterienerkrankung seine Karriere beenden. Steaua verteidigte 1986 den nationalen Titel, gewann den europäischen Supercup und erreichte 1989 erneut das EC1-Finale, wo es allerdings der Übermannschaft AC Mailands mit 0:4 unterlag. Vor allem die jungen Spieler profitierten von jener Generation und formten in den Folgejahren eine Nationalmannschaft, die bei den Weltmeisterschaften 1990 und ’94 beachtliche Erfolge feierte. Der Abend von Sevilla im Mai 1986 ist allerdings bis heute unerreicht.


EUROPAPOKAL DER LANDESMEISTER 1985/86

Vejle BK – Steaua Bukarest 1:1, 1:4
Honvéd Budapest – Steaua Bukarest 1:0, 1:4
Steaua Bukarest – Kuusysi Lahti 0:0, 1:0
RSC Anderlecht – Steaua Bukarest 1:0, 0:3

Steaua Bukarest – FC Barcelona 0:0 (0:0, 0:0), 2:0 n.E.
Steaua:
Duckadam – Belodedici, Iovan, Bumbescu, Bărbulescu, Balint, Bălan (72′ Iordănescu), Majearu, Bölöni, Lăcătuş, Piţurcă (107′ Radu). – Trainer: Jenei.
Barcelona: Urruti – Gerardo, Migueli, Alexanco, Julio Alberto, Víctor, Marcos, Schuster (85′ Moratalla), Pedraza, Archibald (106′ Pichi Alonso), Carrasco. – Trainer: Venables.
Tore: – / Elfmeterschießen: (Majearu), (Alexanco), (Bölöni), (Pedraza), 1:0 Lăcătuş, (Pichi Alonso), 2:0 Balint, (Marcos). SR: Vautrot (Frankreich). Zuschauer: 70.000. Karten: Gelb für Belodedici, Lăcătuş, Bölöni, Bumbescu / Carrasco, Julio Alberto.
Sevilla, »Estadio Ramón Sánchez Pizjuán«, 7. Mai 1986

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